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Freiheit und Liebe – Review: „Ein Herz für Punkrock“ von EXAT



In wenigen Tagen (3.12.21) erscheint das lang ersehnte neue Studioalbum „Ein Herz für Punkrock“ von der Lüneburger Punk’n’Roll-Kapelle EXAT. Eine gute halbe Stunde lang brettern 10 starke Nummern von Muschel zu Muschel und reißen einen Tunnel mitten durchs Gehirn – zurück bleiben Freiheit und Liebe! Es sind 10 Songs, die das gesamte Spektrum des Punks abbilden, es zu einer Einheit verdichten und sich wie ein wütender Keil in die Musiklandschaft bohren. Der Mittelfinger an die Gesellschaft, Deutschland und die ganze Welt.


Freiheit vom Glauben

Der Opener „Reim der Gottlosen“ ist ein Zitat, das Martin Luther zugeschrieben wird. So soll der Reformator einen Vers bezeichnet haben, der die Ahnungslosigkeit des Menschen über Herkunft und Ziel des Lebens beinhaltet – was wohl der kirchlichen Lehre widerspricht… wie dem auch sei. EXAT zerlegen hier in 3:34 Minuten die christlichen Tugenden mit der höllischen E-Harfe. „Der Herr senkte beschämt den Kopf, als er sah, was er erschaffen hat“, heißt es zum Schluss. Sein Blick muss dabei gen Rom gegangen sein.


Liebe zum Leben

„Für Nancy“ war bereits vorab als Single mit Video (Für Nancy) veröffentlicht worden. Dieser Song, der den möglichen Inhalt eines vielleicht am Tatort gefundenen Abschiedsbriefes von Sid Vicious an seine Nancy beinhaltet, ist nicht nur das, sondern gleichzeitig ein Liebesbrief an das Leben, von dem jeder bekanntlich nur eins hat. Es muss nicht Heroin sein, sogar ganz bestimmt nicht, doch am Ende sollte doch jeder das Maximale rausholen – und zwar qualitativ, nicht quantitativ. Sonst ist man vor dem Ende vielleicht schon 90 Jahre tot gewesen.


Freiheit für alle

Als Antonym zum Text ist der Titel „Schöne neue Welt“ zu verstehen. Es geht um einen jungen Flüchtling, der alles einschließlich seiner Eltern verloren hat und am Ende seiner Reise auf Hass und Ablehnung stößt. Eine Beschreibung des schon viel zu lange dauernden deutschen Ist-Zustands. EXAT beweisen hier einmal mehr, dass für sie die Freiheit nicht beim Staatsbürger endet, sondern für alle gilt. Richtige Wucht bekommt der Song durch die Unterstützung von TRAIL OF BLOOD-Gitarrist Florian Ewert – Thrash vom feinsten.


Liebe für die Ewigkeit

Ein älterer Song hat es als Neuaufnahme auf das Album geschafft – und zwar völlig zu Recht. „Wir sind die Liebe“ wird Live-Gängern der Lüneburger ein Begriff sein. Es ist ein starker Song mit unglaublichem Pogo- und Mitgröl-Potenzial und einem Text, für den ein Stephan Weidner heute seine Seele verkaufen würde.


Freiheit als Sucht

Zu diesem Song wird am Release-Day ein Video veröffentlicht werden. „Der Durst nach Freiheit“ ist eine Hymne auf das Leben überhaupt. Liebe, Rausch, Zweifel, Schmerz – eine wilde Achterbahn, die Spaß macht und in den Clubs für Stimmung sorgen wird.


Liebe zur Musik

Mal was ganz Neues: Basser Matze singt seinen ersten Song – und das richtig gut, bitte mehr davon! „Sound meines Herzens“ beschreibt die musikalische Sozialisierung, die wohl jeder durchmacht. Ich möchte die Wendländer von MADSEN an dieser Stelle zitieren: „Gangsta-Rap ist Scheiße, Punk ist geil!“ Passenderweise ist dieser MOTÖRHEAD/RAMONES-Bastard mit 1:26 der kürzeste Song.


Freiheit zu feiern

Der Capt’n ist zurück und trinkt weiter alle unter den Tisch. Wäre „Der Letzte an der Bar“ ein Elfmeter, könnten sich elf Mann dranhängen und das Ding würde doch einschlagen. Das Geknüppel hat übrigens ein schönes Prügel-Video bekommen (Der Letzte an der Bar).


Liebe zur Erinnerung

Den schönsten Einstieg hat definitiv „Wo bist du jetzt?“ (der nur mit einer Trompete noch schöner wäre). Bei dem Song, der autobiografische Züge im Text aufweist und in dem Clemens den viel zu frühen Tod seines Vaters verarbeitet, kommt ein leichtes Oi/Ska-Feeling auf. Die Melodie geht ins Ohr und will so schnell nicht mehr raus.


Freiheit zu sein wie man will

Die erste Single und somit früher Vorbote des Albums ist „Für Nichts und Niemanden“. Bereits im Mai wurde das Lied mit Video (Für Nichts und Niemanden) veröffentlicht. Es ist eine „Ballade“ (es ist natürlich keine) über die Unangepasstheit, das Selbst, den Mut „anders“ zu sein. Die anderen gibt’s ja auch schon.


Liebe zur Freiheit

Der absolute Höhepunkt des Albums ist der letzte Song. Ein Hardcore-Punk-Gewitter à la PENNYWISE fräst sich durch den Gehörgang und pflanzt dort seine Botschaft ein. „Am Ende siegt immer das System“ beschreibt den vermeintlich aussichtslosen Kampf gegen ebenjenes. Die beste Textstelle des Albums: „Kämpfst du für die Freiheit oder stirbst du für dein Land?“ Eine Frage, die sich alle Uniformträger des Landes unbedingt stellen sollten! Der Oilenköper hat selbst lange genug so einen Frack angehabt und war nicht sonderlich beliebt. Das ist der Weg. Kadavergehorsam ist zum Kotzen.


Fazit: Was kann zurzeit wichtiger sein als Freiheit und Liebe? Nach der „Capt’n Kamikaze“ wird hier noch mal ordentlich draufgepackt. Musikalisch und textlich ist die Band weiter gereift und hat das eigene Rezept verfeinert: Man nehme ehrlichen Punkrock und vermische diesen mit einer Prise Hardcore, gebe ein wenig Oi hinzu und schmecke alles mit einer Nuance Thrash Metal ab. Das ist die Liebe zum Sound des Herzens, eben „Ein Herz für Punkrock“. Das Album ist ab 3.12. im EXAT-Shop erhältlich, kann aber jetzt schon vorbestellt werden. Später wird es die Scheibe auch noch auf Vinyl geben.


Der Oilenköper


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