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PURO AMOR – Eine Liebeserklärung an das Leben

Vier Jahre ist das letzte Werk [sic!] nun her. Zeit für etwas Neues. Die Broilers aus Düsseldorf haben als klassische Oi-Kapelle angefangen, entwickelten sich jedoch stets weiter. Heute prägt ein abwechslungsreiches Klangbild aus Ska, Punk, Oi und so viel mehr den Sound des Song-Katalogs. So auch auf dem am Freitag, 23. April, erschienenen Werk „PURO AMOR“. Es ist ein Album zwischen Trauer und Tanzen, Sonne und Regen, selbst die langsameren Lieder (steigern sich noch zumeist und) haben etwas Mitreißendes, eine Aura der Euphorie, gegen die man sich kaum zu wehren vermag. Die wahre Liebe, das wahre Leben. Die Track-by-Track-Review vom Oilenköper (Textzitate sind fettgedruckt):


„Frieden ist ausgebrochen“


Die vorab ausgekoppelten Singles konnten die Spannung auf das Album nicht entschärfen. Zwei grundverschiedene Songs, begleitet von gemischten Kritiken sowie Fan-Meinungen, ließen jedoch ein hohes Niveau erwarten. Apropos Niveau. Auf hohem wird geheult, wenn die Kritik an den besagten Singles sich auf „Früher war mehr Oi“ beschränkt. Die Band kontert selbige bereits mit der B-Seite der zweiten Auskopplung „Alles wird wieder Ok!“, eine Hymne im The Cure-Stil, die in Zeiten der Pandemie Mut macht. Eine Liebeserklärung an die Hoffnung.


„Im Hafen wärst du in Sicherheit gewesen, aber dafür werden Schiffe nicht gebaut“


„Gib das Schiff nicht auf“ heißt die erste Veröffentlichung. Hier war die Kraft des kommenden Albums uneingeschränkt spürbar. Geradliniger Punk trifft auf einen mit Metaphern gespickten Text. Nur nicht aufgeben, immer weitermachen! Eine Liebeserklärung an die Zuversicht.


„Die Jugend von Gestern ist schwer zur erziehen“


Die Nadel hat das Vinyl kaum berührt und ich befinde mich – zumindest in meiner Vorstellung – auf einem Open-Air in Massen von tanzenden, schwitzenden Menschen. Hier gibt es keine Angst, keinen Ekel, nur die wahre Liebe. Bier und Schweiß, Sonne (geht bei 2:30 für uns Alte noch mal auf) oder Regen, wen wird es interessieren? So wird ein Album eröffnet! So wird ein Konzert eröffnet! Wir sehen uns verdammt noch mal vorne, im Pit! Eine Liebeserklärung an die ewige Jugend.


„Ich rede immer noch mit dir“


Ein Mensch ist gestorben. Du willst es nicht wahrhaben. Es ist unwiederbringlich geschehen. Wer hat das nicht erlebt? Die erste Phase der Trauer ist das Leugnen. „Nach Hause kommen/zurück zu mir“ handelt genau davon. In mitreißender Melancholie wird auf eine unwahrscheinliche Rückkehr gewartet. Geschwindigkeit und Arrangement täuschen tatsächlich über das ernste Thema hinweg. Eindrucksvoll umgesetzt. Eine Liebeserklärung an die, die uns schon verlassen haben.


„Wir schmeißen gelbe Sterne an die blaue Wand und hoffen, dass das Ganze hält“


Nach den ersten paar Durchläufen habe ich bei „Porca Misera“ wirklich den herkömmlichen Liebes-/Trennungssong ausgemacht. Irgendwas war da noch, doch ich konnte es alleine nicht entdecken. Sammy (Sänger/Songwriter) gab dann am Sonntagabend endlich bekannt: „Ich singe über Europa.“ Mit diesem Wissen habe ich mir den Song – auf des Chef-Broilers Aufforderung hin – noch einmal angehört. Und? Zuerst habe ich mich gefreut, dass ich diese Review noch nicht veröffentlicht hatte… Denn dieser Song ist wirklich genial. Und die gelben Sterne ergeben auch endlich Sinn. Eine Liebeserklärung an das Bereuen.


„Die Blätter fallen, mir fällt’s nicht leicht“


Mit einem 80s-angehauchten Synthie-Sound gehen die Broilers einen Schritt in die Vergangenheit, um den „Alten Geist“ einzufangen, der jedoch aus einer noch viel ferneren Vergangenheit stammt. Politik tritt auf diesem Album nicht so offen auf, wie auf den vorangegangenen Werken. Hier aber sehr deutlich. Was bleibt, wenn der Sommer geht? Eine Liebeserklärung an das Überwinden.


„Nur diese eine Nacht, nur noch ein kleines Bier!“


Diese sanfte Reggae-Nummer wird Paare schunkeln lassen und dafür sorgen, dass Singles nach dem Konzert nicht mehr allein nach Hause gehen müssen. „Trink mich doch schön“ ist eine Liebeserklärung an die Kneipennacht.


„100 Stiche, 100 Rosen“


Wer kennt noch Paul, den Hooligan? Ob er es wirklich ist, kann ich nicht sagen, aber behaupten. Paul ist nun jedenfalls ein „Schwerverliebter Hooligan“. Und der bringt astreinen Ska auf die Ohren. Schnürt die Stiefel fest und raus mit euch! Eine Liebeserklärung an „Früher“.


„Deutschland schläft, ich bin noch wach“


Die meisten von uns richten sich nach der Sonne, was Schlaf- und Wachzeiten angeht. Gezwungenermaßen, könnte man sagen. Schulen, Jobs und Gewohnheit – die „Diktatur der Lerchen“ – lassen uns keine andere Wahl. Menschen wie Sammy richten sich eher nach dem Mond – und das ist völlig legitim. Eine Liebeserklärung an die Individualität.


„Offene Wunden, Wut und Streit“


„Da bricht das Herz“ – aber jedes Mal nur ein bisschen, nie ganz. Es geht immer weiter. Wir sammeln die Narben, die uns das Leben zufügt, tief in uns. Der Song beginnt ruhig, doch dann können wir uns bei einem gediegenen Pogo den Frust von der Seele schubsen. Bin gespannt auf die Live-Erfahrung. Eine Liebeserklärung an das Weitermachen.


„Ich bin oben, wenn du mich suchst“


Ein Text zum Innehalten. Der Song ist für mich mit dem Vorangegangenen verbunden und es ist schwer an Zufall zu glauben, dass sie hintereinander platziert wurden. Wunden heilen, zurück bleiben Narben und die werden hin und wieder begutachtet. „Dachbodenepisoden“ ist eine Liebeserklärung an die (schlimme) Erinnerung.


„Das sind alles meine Leute“


Du bist wie du bist. Und das ist fantastisch. „Niemand wird zurückgelassen“. Die Becher werden fliegen. Eine Liebeserklärung an die Vielfalt.


„Bitte, Baby, wach auf!“


Das absolute Highlight auf der Platte ist „Alice & Sarah“. Es geht um die Beziehung zweier Frauen, von denen eine im Bundestag sitzt und das eine oder andere Mal mit fragwürdigen Äußerungen aufgefallen ist. Wie lässt sich das vereinbaren, wenn man als homosexuelle Frau für eine homofeindliche Partei hetzt? Und was sagt die eigene Partnerin dazu? Und was passiert, wenn die Partei tatsächlich an die Macht kommt? Die Nacht der langen Messer? Eine Liebeserklärung an den Zweifel.


„Es lebe unsere Liebe, die echte, pure Liebe“


Fans haben mitbekommen, dass aus dem Umfeld der Band zwei Verluste in kurzer Zeit zu beklagen waren. Ihnen ist der Song „An allen anderen Tagen nicht / Lebe, du stirbst“ gewidmet. Er bezieht sich auf einen berühmten Peanuts-Cartoon. An irgendeinem Tag wirst du sterben, aber an allen andern nicht. Also lebe verdammt noch mal! Es ist die Kernaussage des Albums und ein perfekter Abschluss.


Nicht viele Musiker vermögen es, traurige und ernste Themen mit solchem Schwung auf die Tanzfläche zu bringen. Während im Metal oder Rock mit ernster Miene fröhlich mitgegrölt wird, schaffen die Punkrocker aus Düsseldorf Außergewöhnliches: Fans brüllen traurige Refrains mit einem Lächeln im Gesicht. Aber ist das noch Punkrock? Sicher, Punk darf einfach alles! PURO AMOR – die wahre Liebe, eine Liebeserklärung an das Leben.


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PURO AMOR ist eine ernste Angelegenheit ... (Foto: Oilenköper)

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