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Reifeprüfung! – KONTAKT von Kraftakt in der Oilenköper-Review




Man will sich immer dagegen wehren, „kleine“ Bands mit den ganz Großen zu vergleichen, doch auf dem neuen Werk KONTAKT von Kraftakt aus Ebstorf und Lüneburg kommt mehr als nur einmal Rammstein-Atmosphäre auf. Das gilt allerdings ausschließlich für Instrumentalparts – eben harte Riffs, die von Synthie-Tönen begleitet werden – und auch da nie lange.


Denn weite Strecken der EP sind einfach eigener Stil. Ein Stil, der sich in letzten Jahren aus den Einzelteilen der Band herausgebildet hat. Während der Erstling „Auftakt“ als großes Sammelsurium von Ideen grundverschiedener Musiker bezeichnet werden kann – ohne, dass das schlecht gewesen wäre – war vor einem Jahr auf der EP „Intakt“ schon deutlich zu hören, wo die Reise hingehen soll.

KONTAKT kann nun getrost als (Zwischen-)Ziel einer musikalischen Reise betrachtet werden. Synthies sind viel deutlicher als zuvor im Vordergrund und machen die lange gesuchte zweite Gitarre überflüssig. Das Klangbild ist reifer, die beiden Sänger Dominik und Barry ergänzen sich noch besser als es schon auf der „Intakt“ der Fall war. Spannend wäre nun, ob sich die älteren Songs für das Live-Programm in dieser Art umarrangieren lassen. Kraftakt?


Zu den Songs: Der Opener kommt hart. ADIEU ist tatsächlich, wie der Name verrät, ein Abschiedssong. Die Verarbeitung eines Verlusts, die so weit geht, dass sich Suizidgedanken im eigenen Kopf ausbreiten. Der Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung wird von Dominik und Barry stimmlich genial dargestellt. Dieser Song fängt den Schmerz ein.


Zur Auflockerung kommt die zweite Nummer nach dem Brocken genau richtig. Voller Selbstironie ist BESCHEIDEN eine typische Band-Hymne, die bis zum Überlaufen mit Eigenlob vollgestopft ist. Musikalisch bildet das Lied alles ab, was Kraftakt ausmacht. Gitarre, Synthies, Sprech- und gutturaler sowie Klargesang.


ICH LIEBE bietet so einen typischen Rammstein-Auftakt und auch das Thema würde die Industrial-Giganten wohl ansprechen. Es geht um Stalking und Inbesitznahme, die sich bis zum Mord steigern kann. Sicher ein Thema, das viele schon – mehr oder weniger stark – erleben mussten. Nach Angaben der Band, wollte Barry darstellen, wo die Liebe aufhört. Das ist gelungen.


Ein MÄRCHEN soll nicht nur gelesen werden, nein, ein jeder soll sein eigenes leben. Sei wie du bist, lass deine Gedanken und deine Fantasie zu. Verwirkliche dich selbst, glaub an dich. Du lebst nur einmal und die anderen gibt es schon. „Es sind die Märchen, die uns durch Leben tragen …“


Der vorletzte Song erinnert an den ebenfalls vorletzten Song auf der Vorgängerscheibe „Intakt“. Dort wurde in „Unsere Zeit“ ein schöner Partyabend geschildert. Nun kommt der Rückblick. Auch wenn die Songs vor Corona entstanden sind, dann wird SORGENFREI für den einen oder anderen eine besondere Bedeutung bekommen. „Diese Momente vergess‘ ich nie, man tanzte und sang in Harmonie.“ Das scheint eine Ewigkeit her zu sein. Texter Dominik hat dem Oilenköper allerdings verraten, dass er das auch gerne als Blick in die Zukunft sieht. Amen.


SPERRZEIT heißt der letzte Song auf KONTAKT und er enthält so Schlüsselwörter wie Maske, Diktatur und Freiheit, die einen guten Querdenker-Song ausmachen würden. Die Band selbst habe Bauchschmerzen bei der Veröffentlichung gehabt, doch der Text war vor der Pandemie entstanden. Tatsächlich handelt der Song von der Schwierigkeit der persönlichen Entfaltung in den festgefahrenen, engstirnigen Strukturen der Gesellschaft. Ein gelungener Abschluss, der zu einem netten Pogo einlädt.


Fazit: Texte und Musik sind auf diesem Werk deutlich reifer. Kraftakt ist jetzt nicht mehr klein. Die Bärenbande ist erwachsen geworden. KONTAKT ist ab sofort erhältlich unter www.kraftakt.band.


Der Oilenköper


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