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Erwachsen aber junggeblieben – „Sippenhaft“ von der BOCKWURSCHTBUDE in der Oilenköper-Review




Neun Jahre ziehen nicht ins Land, ohne Spuren zu hinterlassen. Denn so viel Zeit ist seit dem letzten Album der BOCKWURSCHTBUDE „Back to the Roots“ vergangen. Heute (2.12.22) erscheint jetzt endlich der Nachfolger mit dem Titel „Sippenhaft“ – und der zeigt, dass auch Punks ernst und erwachsen werden können.


Der zwölf Songs umfassende Longplayer greift nur noch sporadisch, wie in Scheißsong, auf reinen Spaß-Punk zurück und auf die kleinen zwischenmenschlichen Probleme und Gefühlswelten – zum Beispiel in Alltag oder Dreck. An Kritik am großen Ganzen wird hingegen nicht gespart. Es geht um die im Punk klassischerweise vertretenen Themen: Kapitalismus/Materialismus (Dieser Weg), staatliche Gewalt (Arschlecken) und Militär (Helden).


Doch auf der „Sippenhaft“ schlägt sich auch die Spaltung der Gesellschaft nieder. In Einbahnstraße etwa geht es um Selbstreflexion, um das Akzeptieren anderer Meinungen und die Suche nach einem Konsens, der vielleicht gar nicht so weit entfernt ist, wie es zunächst scheinen mag.


Der Album-Titel und das zugehörige Cover passen nebenbei hervorragend zusammen. Ich musste natürlich ein bisschen googeln, bis ich herausgefunden habe, dass das abgebildete Gebäude eine ehemalige Tierversuchsanstalt in Berlin ist, die auch der Mäusebunker genannt wird.


Das Wort Sippenhaft lässt sich natürlich auch gut auf viele Songs projizieren, wenn es um Flüchtlinge geht in Strandgut und Kollateralschaden oder auch darum, wenn man ins Visier von Staat und Polizei gerät. Das hat Arschlecken zum Thema, das gleichzeitig den Preis für das fetteste Riff gewinnt.


Apropos Riff: Dass die BOCKWURSCHTBUDE mittlerweile zwei sechsseitige Klampfen am Start hat, macht sich durchaus bemerkbar. Ohne hier auch nur ein einziges Prozent an Punkrock einzubüßen, gibt es musikalisch eine ganz klare Weiterentwicklung zum Vorgänger. Auch textlich ist unverkennbar, dass eine gewisse Zeit zum Reifen vorhanden war.


Das treibende Scherbenhaufen, vorab auch als Musikvideo veröffentlicht, markiert den Anfang dieser wilden Jagd und dient mit seiner Keule auf die beschissene Weltlage gleich mal als Inhaltsverzeichnis für das Gesamtwerk. Es ist so viel anders und doch ist es gleich.


Die Stimme von Mikro Mostrich hat kein bisschen an Kraft eingebüßt und rotzt die Worte genauso wie früher raus, nur stellenweise eben mit mehr Relevanz. Genauso brettert Mieschkas Drumspiel durch das Album und die „Neuen“, Riggo an der zweiten Gitarre sowie Andie am Bass, verpassen dem klassischen Punkrock-Sound eine Antifaltenkur.


Jetzt ist es manchmal anstrengend, wenn immer alles ernst ist, was Punk ja auch nicht sein sollte. Nach mehrmaligem Hören bricht der ursprüngliche Bockwurschtbudenwitz auch wieder durch. Mir hat das Album ab dem ersten Ton, ab dem ersten Hören, außerordentlich gut gefallen.


Trotzdem habe ich mich dabei erwischt, mir die etwas größere Leichtigkeit der Vorgängerscheiben zurückzuwünschen. Doch vielleicht wünsche ich mir auch einfach nur unbeschwertere Zeiten zurück, ohne Corona und ohne Krieg. Zeiten, in denen ich mir einfach nicht um alles so eine Platte gemacht habe. Aber jede Zeit bekommt die Musik, die sie braucht und hier ist sie: „Sippenhaft“ heißt das neue Album von der BOCKWURSCHTBUDE aus Frankfurt/Oder.


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